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Perspektivwechsel
- Das Neue leuchtet auf
von Roswitha Schneider
Wenn
wir von synergetischer Prozessarbeit sprechen, meinen wir damit ein Verfahren,
das es uns erlaubt, Selbsterfahrung auf höchstem Niveau zu erleben,
weil wir in die größtmögliche Tiefe unseres eigenen Daseins
vordringen. Da „Selbsterfahrung“ keineswegs ein neuer, sondern
vielmehr ein mittlerweile äußerst gebräuchlicher, in zahlreichen
Kontexten angewandter und mithin sehr dehnbarer Begriff ist, möchten
wir im folgenden versuchen, ihm ein wenig deutlichere Konturen zu verleihen.
Wovon sprechen wir eigentlich? Was genau ist dieses „Selbst“
und welche Art von Erfahrung machen wir?
Um uns der Antwort auf diese Fragen zu nähern, greifen wir auf die
uns bislang als tiefgreifendste bekannte Definition des Selbst zurück,
die von Carl Gustav Jung im Rahmen seiner Analytischen Psychologie entwickelt
wurde. Danach stoßen wir auf die folgenden Kriterien:
Das SELBST
* umfasst die Ganzheit des menschlichen Organismus und strukturiert und
organisiert alle Entwicklungsprozesse körperlicher und psychischer
Art
* umfasst das Bewusste und das Unbewusste, das Körperliche und das
Psychische, das Innere und das Äußere enthält das allgemein
menschliche archetypische ebenso wie alles individuelle Potential
* umfasst nicht nur personale, sondern gleichermaßen kollektive
und
transpersonale Aspekte
* steht in einer untrennbaren Beziehung zu seiner Mit- und Umwelt, ist
aber gleichzeitig eine sich selbstregulierende Einheit (das von Jung aufgefundene
Prinzip der Selbstregulation ist vergleichbar mit dem Prinzip der Selbstorganisation
in der Synergetik)
* ist die Ganzheit aller Paradoxien und Polaritäten und gleichzeitig
die Synthese aus Vergangenem, Gegenwärtigem und zukünftigen
Entwickklungsmöglichkeiten
* ist gleichermaßen Zentrum wie Umfang der Persönlichkeit,
es ist Ursprung und Ziel, es ist ein fortwährend sich wandelnder
Prozess
In Abgrenzung dazu ist das Ich (Ego) nur der relativ „kleine“,
bewusste Aspekt des SELBST, „der Blick auf die Welt“, mit
dem das SELBST sich orientieren und reflektieren kann. In der Regel ist
der Mensch mit diesen, dem Ich-Bewusstein zugänglichen Aspekten identifiziert,
da das große Potential des Unbewussten unzugänglich bleibt.
Mit der hier eingeführten Schreibweise SELBST möchten wir gleich
zu Beginn den gravierenden und ausschlaggebenden Unterschied der synergetischen
Prozessarbeit im Verhältnis zu anderen Methoden deutlich machen.
Die nicht-differenzierte Nutzung der Begriffe „Ich“ und „Selbst“
hat zu einer inflationären Anwendung des Terminus „Selbsterfahrung“
geführt. Es gilt nun klarzustellen, dass sich hinter diesem umgangssprachlich
akzeptierten Begriff häufig eine „Ich-Erfahrung“ verbirgt.
Diese beinhaltet eine Auseinandersetzung mit unseren Ego-Anteilen und
führt demzufolge auch nur zu einer Stärkung oder Ausdifferenzierung
un-seres „Ich- Wertgefühles“ (anstelle von “Selbst-
Wertgefühl“).
Unter Bezugnahme auf die oben vorangestellte Definition möchten
wir nun deutlich machen, dass sich die synergetische Prozessarbeit keineswegs
auf diesen Bereich reduzieren lässt, sondern sich vielmehr auf einem
ganz anderen Terrain bewegt. Wir wollen den Versuch unternehmen, dieses
Feld nun genauer zu definieren.
Das SELBST in seiner ungeheuren Vielfältigkeit zu erleben, die unzähligen
Facetten an Erscheinungsformen kennenzulernen, eigenem Potential und Ressourcen
zu begegnen und all dies letztlich mit allen Sinnen wahr-zu-nehmen, das
ist Anliegen der SELBST-Erfahrung in der synergetischen Prozess- arbeit.Insoweit
können wir sagen, dass die INNENWELT, von der in der Synergetik die
Rede ist, genau diesen Komplex des SELBST bezeichnet.Diese SELBST-Erfahrung
schließt einen Eintritt in die Auseinandersetzung, in die Kommunikation
mit diesem ganzen Potential ein, denn nur auf diesem Weg kann es gelingen,
bislang unbewusst wirkende Anteile als unsere eigenen zu identifizieren,
wahrzunehmen und sie letztlich wieder anzunehmen. Wir gehen den Weg von
der Kommunikation hin zur Kommunion, um damit unserer eigenen Ganzheit
näherzukommen.
Wenn wir uns in die INNENWELT begeben und in den Komplex unseres SELBST
eintauchen, erleben wir einen Perspektivwechsel, der uns zu einer neuen
Sicht der Dinge, zu einer Neubewertung gelangen lässt. Allein dadurch,
dass wir uns in einen bis dato unbekannten Kontext stellen, leuchtet das
Neue, die andere Qualität bereits auf.Die Erfahrung, dass die INNENWELT
real ist, weil wir sie erleben, wahrnehmen, spüren und mit dem inneren
Auge sehen können, zeigt uns eine neue Wirklichkeit auf, eine Welt,
die wirkt und bewirkt. Es handelt sich bei diesem Erleben also nicht um
eine einfache Widerspiegelung, sondern vielmehr um eine konkrete Realwerdung.Mit
dem Selbstorganisationsprozess vollendet sich der Perspektivwechsel durch
eine Neuordnung: Immer schon vorhandenes und in diesem Sinne altes Material
fügt sich zu einer neuen, höheren Ordnung zusammen und impliziert
damit eine neue, erweiterte Sichtweise. Sukzessive wird der Blicke auf
das Ganze (die Ganzheit des SELBST), der Blick auf Zusammenhänge
und Interdependenzen deutlich.
Doch um das Neue für uns zu erschliessen, um es für uns praktisch
werden zu lassen, muß das Alte erlöst werden. Wir wollen dies
zum besseren Verständnis an einem kleinen Beispiel deutlich machen.
Stellen wir uns vor, in unserer INNENWELT taucht eine Situation auf, in
der unsere Mutter eine wichtige Rolle spielt.
Wir können jetzt sehen, dass unsere Mutter nicht nur als die reale
Person, die wir kennen, existiert, sondern sie existiert darüber
hinaus in unserer INNENWELT, in unserem SELBST als ein Bild oder Konzept
mit bestimmten Qualitäten und Eigenschaften. Indem wir wahrnehmen,
dass das innere Bild oder Konzept unserer Mutter nichts anderes als einen
Teil unserer Gesamtpersönlichkeit repräsentiert, verstehen wir
auch, dass es eben dieser Teil ist, der unser Verhalten im alltäglichen
Geschehen mitprägt, mitkontrolliert und mitsteuert.
Bislang haben wir diesen Einfluss unserer realen Mutter zugeschrieben,
weil sie die Projektionsfläche für unser inneres Bild im Außen
verkörpert. (Wir sprechen hier nicht von den ersten Jahren als Säugling
und Kleinkind, denn in dieser Phase liefert uns die Muter das Material
für den Aufbau unseres inneren Anteils „Mutter“, der
zudem so-wohl durch das archetypische als auch das kollektive Konzept
“Mutter” unterlegt ist. Diese Entwicklung ist ein ge-sonderter,
sehr zentraler Gesichts- punkt, der hier zunächst nicht behandelt
werden kann, auf den wir aber in einer späteren Ausgabe eingehen
werden).
Stellen wir uns weiter vor, das Bild der Mutter in uns selbst zeichnet
sich durch Qualitäten wie Lieblosigkeit und Kälte aus. Wir werden
nun die Auseinandersetzung mit diesem inneren Teil aufnehmen, ihn konfrontieren,
befragen oder Anweisungen erteilen. Was auch immer wir tun, das zentrale
Moment liegt in der Kontaktaufnahme, in der unmittelbaren Begegnung, d.h.
in der Rückkoppelung. Wir bereits an anderer Stelle erläutert,
wird auf diesem Weg ein Selbstorganisationsprozeß ausgelöst,
der erstaunliche und spürbare Veränderungen mit sich bringt.
Es zeigt sich uns jetzt ein verändertes, ein völlige neues Bild
der Mutter. Sie wird liebevoll auf uns zugehen und uns in die Arme schließen
(selbstverständlich hat dieses Beispiel reinen Modellcharakter, denn
die Bilder der INNENWELT sind weitaus prägnanter und komplexer, als
es hier in Form von Worten zu vermitteln ist).Der hier geschilderte Vorgang
macht jedoch auf der bildhaften Ebene deutlich, dass sich ein Perspektivwechsel
ergeben hat.Es ist jetzt möglich, die liebevolle und warme Qualität
des inneren Bildes „Mutter“ wahrzunehmen. Wir realisieren,
dass das „Konzept Mutter“ weitaus facettenreicher und komplexer
ist, als sich auf einzelne Eigenschaften festlegen zu lassen. In dem genannten
Beispiel ist es mit anderen Worten gelungen, über den Selbstorganisationsprozess
eine weitere, zusätzliche Qualität der inneren Mutter zur Real-
werdung zu bringen.
Das alte Bild hat einen Teil seiner bisherigen, offenkundig schädigenden
Wirkkraft eingebüßt, indem es durch zusätzliche Qualitäten,
mit denen es eine neue, höherwertige Verbindung eingegangen ist,
erweitert und bereichert wird.So kann sich jetzt eine andere und positive,
weil höherwertige Wirkung entfalten. Wir haben an dieser Stelle eine
andere Wirklichkeit wahr- und zu uns genommen, d.h. wir haben die zusätzlichen,
bislang nicht wahrgenommenen oder abgelehnten Qualitäten der Mutter
integriert.
Mit jeder neuen Wahrnehmung vollzieht sich eine Erweiterung bzw. Bereicherung
des Bisherigen, die wiederum die Voraussetzung schafft für eine zusätzliche
Erweiterung.In diesem Sinne können wir sagen, dass die synergetische
Prozessarbeit eine Methode ist, die durch die SELBST-Erfahrung zu einer
erweiterten Wahrnehmung unserer eigenen inneren Realität führt
und über das Prinzip der Selbstorganisation die Möglichkeit
der Re-Integration von bislang unbewusst wirkendem, abgespaltenem oder
auch autonom agierendem Material eröffnet.In diesem Licht zeigt sich
die synergetische Prozessarbeit als ein Integrationsverfahren, das uns
den Schritt von der Dualität (entweder/oder) hin zu einer Vereinigung
der Polarität (sowohl/als auch) ermöglicht. Die duale Sicht
lautet: „Was gut ist, kann nicht böse sein und was hell ist,
kann nicht dunkel sein“.
Durch einen Perspektivwechsel erfahren wir nun, dass diese polaren Qualitäten
sich gegenseitig bedingen, dass sie existentiell aufeinander angewiesen
sind, denn es kann kein gut ohne böse und kein hell ohne dunkel geben.
Durch die Arbeit mit dem SELBST, durch die Arbeit in der INNENWELT machen
wir nun die Erfahrung, dass all diese polaren Qualitäten in uns selbst
existieren. Sie warten darauf, angenommen, akzeptiert und genutzt zu werden,
weil dies die einzige Möglichkeit ist, um die Ganzheit unseres SELBST
wieder zurückzugewinnen.
Wir wollen an dieser Stelle noch einmal auf Carl Gustav Jung und seine
Definition des Individuationsprozesses zurückgreifen: „Individuation
bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität
unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen,
zum eigenen Selbst werden“ (C.G. Jung, Gesammelte Werke, Band 7,
§ 266 f).
Hier schließt sich nun der Bogen zu unserem eingangs unternommenen
Versuch einer unmissverständlichen Abgrenzung der Begriffe von „Ich“
und „Selbst“. Die Ich-Entwicklung hat große Bedeutung
für den Prozess einer nachhaltigen Integration, aber sie steht nicht
im Vordergrund, sondern es geht um die Realisierung der Ganzheit des SELBST.
Demzufolge warnt Jung in seinen weiteren Ausführungen explizit vor
einer Verwechslung : „Ich sehe aber immer wieder, dass der Individuationsprozess
mit der Bewusstwerdung des Ich verwechselt und damit das Ich mit dem Selbst
identifiziert wird, woraus natürlich eine heillose Begriffsverwirrung
entsteht. Denn damit wird die Individuation zum bloßen Egozentrismus
und Autoerotismus. Das Selbst aber begreift unendlich viel mehr in sich
als bloß ein Ich: es ist ebenso der oder die anderen wie das Ich.
Individuation schließt die Welt nicht aus, sondern ein“ (C.G.
Jung, Gesammelte Werke, Band 8, § 432).
Hier macht Jung deutlich, dass alle Menschen, Objekte oder Phänomene,
die uns in der Realität begegnen, ebenso wie archetypisches und kollektives
Wissen, in unserem SELBST eine Verkörperung energetischer Art finden.
Sie werden zu Bestandteilen unserer inneren Struktur. In diesem Sinn ist
die Welt eine Widerspiegelung von uns und wir sind eine Widerspiegelung
der Welt.
In dem Wissen um die hier geschilderten Wirkprinzipien und die evolutionäre
Naturgesetzlichkeit der Selbstorga- nisation hat B. Joschko mit seiner
Synergetik-Methode ein Instrumentarium geschaffen, dass es erlaubt, den
Prozess der Reintegration auf der Ebene des SELBST, der INNENWELT zielgerichtet,
effizient und nachhaltig zu durchlaufen.Dabei stellen sich erstaunliche
Nebeneffekte ein wie z.B. die Auflösung von körperlichen Symptomen
– ein einfacher Kopfschmerz kann ebenso wie ein Tumor im Verlauf
der synergetischen Prozessarbeit verschwinden.
Um zu verstehen, warum sich bestimmte Nebeneffekte einstellen, müssen
wir uns den selbstähnlichen Aufbau unseres Gesamtorganismus vergegenwärtigen.
Wir wissen, dass körperliche, emotionale und geistige Ebenen des
Menschen Teil des Ganzen sind, sie sind existentiell voneinander abhängig
(keine kann ohne die anderen existieren) und sie wirken aufeinander ein.
Das bedeutet auch, dass sie in ständiger Kommunikation miteinander
stehen, sie müssen sich sozusagen für eine gemeinsame Vorgehensweise
abstimmen. Ein weiterer und für unsere Belange noch wichtigerer Aspekt
ist die Tatsache, dass all diese Ebenen eine selbstähnliche Struktur
aufweisen. Wenn es jetzt gelingt, unserer Informationen auf der tiefsten
Ebene (und das ist die neuronale Matrix auf der wir mit den inneren Bildern
arbeiten) neu zu strukturieren, wird sich eine Neustrukturierung der Information
in selbstähnlicher Form auch auf körperlicher und emotionaler
Ebene notwendigerweise einstellen.Da die Neustrukturierung eine höherwertige
Ordnung hat, hat sie das bisher Wirkende, das Alte integriert. Wir können
daher sagen, dass eine Symptomauflösung nichts weiter als den Nebeneffekt
einer erfolgreich erbrachten Integrationsleistung darstellt.
Wenn diese Integration zumindest partiell gelingt (denn Integration ist
eine Aufgabe, an der der Mensch Zeit seines Lebens arbeiten wird) dann
gehen wir einen Schritt auf unsere Ganzheit zu. Ganz-Werden bedeutet letztlich
nichts anderes als Heil-Werden. In diesem Sinne kann SELBST-Erfahrung
dann auch zur SELBST-Heilung werden.
Von Bedeutung scheint hier auch zu sein, dass die synergetische Prozessarbeit
sich selbstähnlich auf alle eingangs definierten Bereiche des SELBST
bezieht. Durch das von B. Joschko entwickelte Instrumentarium ist es möglich,
im wachen Tagesbewusstsein zu bleiben, gleichzeitig aber auf der Ebene
des Unbewussten zu arbeiten. Wir können beliebig von einem Körpergefühl
zu einer Emotion übergehen und diese miteinander in Verbindung setzen
oder beide mit einer spirituelle Erfahrung rückkoppeln. Wir können
mit dem individuellen ebenso wie mit archetypischem Material arbeiten
oder in Rückkopplung an das morphogenetische Feld kollektive oder
transpersonale Aspekte einfliessen lassen.
Wir können Raum und Zeit überwinden und uns in Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft bewegen. Das heißt, wir sind in der Lage,
uns im gesamten Repertoire und Potential, das das SELBST zur Verfügung
stellen kann, zu bewegen und dieses für eine Integration zu gewinnen.
Dabei wird zu jedem Zeitpunkt be-rücksichtigt, dass das SELBST, wie
Jung bereits nachgewiesen hatte, eine sich selbst regulierende Einheit
ist. Der synergetische Prozess ist immer ein freilaufender Prozess, der
sich aus sich selbst heraus entwickelt und reguliert. Bei einem jedem
Versuch, diesen Prozess von außen zu steuern, zu beeinflussen oder
zu kontrollieren, verweigert das SELBST die Zusammenarbeit und wird immer
den von ihm selbst eingeschlagenen Weg weitergehen.
Die therapeutische Prozessbegleitung besteht darin, sich ganz auf die
INNENWELT eines anderen Menschen einzulassen und sich mit ihm darin zu
bewegen. Aber Richtung, Umfang und Charakter dieser Bewegung gibt immer
das „System“, d.h. die Klientin selbst vor.
Die synergetische Prozessarbeit wird daher von solchen Menschen in An-spruch
genommen, die Wachstum und Entwicklung und damit ein Heil-Werden suchen.
Es ist Aufgabe der Synergetik, diese Menschen in ihre INNEN- WELT zu begleiten
und ein Stück des Weges mit ihnen zu gehen. Medizinische oder psychologische
Kenntnisse haben hier keine Gültigkeit, sie sind in der INNENWELT
nicht anwendbar, da sie ihren Blick auf den Menschen von außen richten.
Um das zu verdeutlichen, greifen wir noch einmal auf ein Beispiel zurück.
Wenn wir einen Berg besteigen wollen, so benötigen wir eine komplette
Ausrüstung, um dieses Vorhaben erfolgreich durchzuführen. Mit
dem Basishandwerkszeug für die synergetische Prozessarbeit hat B.
Joschko eine solche Ausrüstung für uns zusammengestellt, die
es uns nun erlaubt, uns in der INNENWELT zu bewegen.
Aufgrund der Erkenntnis über die Gesetzmäßigkeiten, die
in der INNENWELT wirksam sind, hat er entwickelt, welche „Gegenstände“
für eine Reise in die INNENWELT sinnvoll und notwendig sind.Es ist
schlechterdings unmöglich, die INNENWELT von außen zu erforschen
oder ihr von außen zu begegnen. Dies geht immer nur von Innen heraus
und dazu müssen wir wissen, wie wir uns in diesem Innen zu bewegen
haben, welche Regeln und Gesetzmäßigkeiten wir zu beachten
haben.Um die synergetische Prozessarbeit zu verstehen, müssen auch
wir deshalb die Blickrichtung ändern, einen Perspektivwechsel vornehmen
– erst dann kann sich uns das Neue erschließen.
Hierin
liegt auch die Schwierigkeit, die synergetische Prozessarbeit mit den
gegenwärtig gültigen Kriterien aus medizinischer oder psychologischer
Sicht zu erfassen. Es ist eine Methode, die Neuland betritt und der Tribut,
den sie dafür zollen muß, ist die notwendige Auseinandersetzung
mit der vorherrschenden Sichtweise, die ihr Eigenes verständlicherweise
wahren möchte. Wir werden daher auch an diesem Punkt den Schritt
von einem entweder/oder hin zu einem sowohl/als auch, d.h. hin zu einem
Zusammenwirken wagen müssen.Mit der synergetischen INNENWELTREISE
leisten wir Integrationsarbeit und bewältigen damit ein Stück
unseres Lebens. Die Synergetik hilft uns, diese Bewältigung effizienter
zu gestalten und uns dem SELBST bewusster zu nähern. Dennoch ist
die INNENWELT uns allen zunächst unbekannt und wie bei einer Bergbesteigung
werden wir uns deshalb eine Bergführerin suchen, die mit den Naturgesetzen
des Berges vertraut ist. Diese Aufgabe obliegt der Synergetik-Therapeutin
und selbstverständlich wird sie ihre Klientin nicht auf den Berg
hinauftragen, sondern diese muß zu jedem Zeitpunkt selbst klettern..
Die Klientin wird entscheiden, ob sie den direkten Steilpass nimmt oder
langsam um der Berg aufwärts herumwandert. Sie wird entscheiden,
ob sie die Strecke an einem Tag oder in zwei Wochen hinter sich bringen
möchte. Sie wird entscheiden, wenn sie eine Pause möchte und
lieber in der Sonne liegt.
Aber sie muß diesen Berg allein und selbst bewältigen, sich
mit Steinen, Kanten, Abgründen und ihrer Angst auseinandersetzen,
Sonst wird sie diesen Berg nicht besteigen können und einfach wieder
hinuntergehen müssen. Die Klientin wird also selbst spüren und
entscheiden, auf welchem Weg sie den Berg besteigt, welche Strecke sie
sich zumutet und ob sie dieses Vorhaben auch erfolgreich zu Ende bringen
möchte.Selbstverständlich bewegen wir uns mit diesem Vergleich
in einer äußerst unzureichenden Hilfskonstruktion, die nur
ansatzweise verdeutlichen kann, dass das Prinzip der Selbstregulation
und der Selbstorganisation in der synergetischen Prozessarbeit das Bestimmende
ist – es könnte sonst schlicht und ergreifend keinerlei Integrationseffekt
eintreten, einer solcher kann einfach nicht „gemacht“ oder
für bzw. gegen eine andere Person herbeigeführt werden.Die synergetische
Prozessarbeit nimmt auch keine Analyse oder eine sich daraus ergebende
Synthese vor, sie folgt einzig dem Prinzip der Selbstorganisation. Sie
bietet mithin die Möglichkeit einer umfassenden Hilfe zur Bewältigung
aller Probleme und Konflikte, die sich in den verschiedenen Bereichen
des menschlichen Daseins stellen. Sie versteht daher ihren eigenen Therapie-Begriff
in seiner ursprünglichen Bedeutung als die „Begleitung zum
Höchsten“ und dieses „Höchste“ kann keinen
besseren Ausdruck finden als in der GANZHEIT des Menschen.
Zusammenfassend können wir sagen, eine neue Wahrnehmung führt
zu einer Integration und einem Perspektivwechsel, der wiederum eine neue
Wahrnehmung ermöglicht. Die Auseinander- setzung um neue Perspektiven,
d.h. andere Blickrichtungen zeichnet sich gegenwärtig in vielen gesellschaftlichen
Bereichen ab. So sind zum Beispiel die Fragen um Krankheit bzw. Gesundheit
und eine ganzheitliche, d.h. eine gänzlichende Sicht von großer
Bedeutung für jeden von uns. Vielleicht ist es gerade deshalb so
schwierig, in diesem Bereich einen anderen Blick einzunehmen.
Doch das Neue kommt leise und es muß Menschen geben, die anderen
vorausgehen. Wir haben für die vorliegende Ausgabe von Innenweltreisen
drei Personen für ein Gespräch gewinnen können, die in
ihren Betätigungsfeldern als Kapazitäten anerkannt sind.
Prof.
Raimund Jakesz, Dr.
med. Gotthard Behnisch und Lothar
Hirneise haben den Schritt eines Perspektivwechsels bereits
vollzogen. Es ist ihnen gemeinsam, dass sie eine andere, über die
allgemeine Haltung hinausreichende Sicht von Erkrankung und allen damit
aufgeworfenen Problemen nicht nur entwickelt haben, sondern in der Praxis
auch zur Anwendung bringen. Wir hoffen, den Leserinnen und Lesern damit
die Anregung zur Erfahrung einer veränderten Wahrnehmung zu geben,
d.h. Fragen und Antworten aus einer anderen als der bisher gewohnten Perspektive
kennenzulernen.
Bilder von Marina Stachowiak
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