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Ein Mann blickt durch Prof. Hermann Haken:
Zitate:
1) "Die Chaostheorie befaßt sich mit wenigen Freiheitsgraden
oder wenigen Variablen und stellt fest, daß schon dann, wenn wenige
Variable zusammenwirken, ein chaotisches, unregelmäßiges Verhalten
zustande kommt. Man kann deshalb fragen, was die Chaostheorie überhaupt
mit Selbstorganisation zu tun hat, weil Selbstorganisation ja aus dem
Zusammenwirken von sehr vielen einzelnen Teilen entsteht. Eine Flüssigkeit
besteht aus vielen einzelnen Molekülen, eine Gesellschaft aus vielen
einzelnen Individuen, eine Wirtschaft aus vielen einzelnen Akteuren. Die
Synergetik zeigt, daß eben auch ein komplexes System, das aus vielen
einzelnen Teilen besteht, durch wenige Variablen, das sind dann die Ordner,
beschrieben werden kann. Wenn man dann erst mal bei wenigen Variablen
angelangt ist, dann können sie den Gesetzen der Chaostheorie unterworfen
sein. Das läßt sich auch herleiten. Insofern ist die Chaostheorie
ein Bestandteil der Synergetik."
2) "Synergetik ist eine voraussagende Theorie. Und
zwar auf verschiedenen Niveaus. Ich kann einerseits von den Grundgleichungen
der Physik ausgehen, z.B. einer Flüssigkeit, und kann dann Voraussagen
machen, wie sich die Flüssigkeit unter bestimmten Bedingungen verhalten
wird. Dann gibt es Systeme, deren Grundgleichungen man oft nicht kennt,
wie z.B. in der Biologie. Da hat die Synergetik eine Mittelstellung zwischen
einer phänomenologischen und einer voraussagenden Beschreibung. Bei
unseren Untersuchungen über Koordinationen bei Fingerbewegungen,
bei der Gehbewegung oder anderen Bewegungsformen von Vierfüßlern,
sind wir einerseits phänomenologisch vorgegangen, weil wir erst einmal
die Ordner identifizieren müssen. Aber dann können wir doch
Gleichungen für die Ordner entwickeln und daraus wieder Vorhersagen
machen."

3) Die visuelle Wahrnehmung ist sehr stark aufmerksamkeitsgeleitet
ist. Hermann Haken hat daher bei der Mustererkennung einen Aufmerksamkeitsparameter
eingeführt. "Das eklatanteste Beispiel dafür sind die sogenannten
Kippfiguren. Man sieht im gleichen Bild entweder eine Vase oder ein Gesicht
oder beispielsweise abwechselnd zwei Gesichter, das einer alten und einer
jungen Frau. Unsere Wahrnehmung geht zwischen diesen beiden Inhalten hin
und her. Schon in den 20er Jahren hatte Köhler vorgeschlagen, daß
dieser Effekt auf einer Ermüdung der Aufmerksamkeit beruhen könnte.
Wir sind eigentlich unabhängig von diesem Konzept auf diese Interpretation
gekommen und das gleich in einen Algorithmus eingebaut, so daß einerseits
diese Aufmerksamkeitsparameter auftreten und andrerseits aber auch die
Ermüdung eintritt. Wenn ein Muster erkannt ist, etwa die junge Frau
im Bild, dann ermüdet die Wahrnehmung und sinkt der Aufmerksamkeitsparameter
auf Null ab, wodurch automatisch das andere Bild zum Vorschein kommt.
Das konnten wir im Detail modellieren, und daraus ergab sich eben diese
Konstellation. |
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Interessant war aber nun, daß dabei auch eine Voreingenommenheit
eine Rolle spielt. Wenn man dieses Kippbild junge/alte Frau Männern
zeigt, dann erkennen 80 % von ihnen zuerst die junge Frau, und wenn man
es Frauen zeigt, erkennen 60 % zuerst die alte Frau. Das ist vielleicht
ganz interessant. Wir haben herausgefunden, daß ein innerer Zusammenhang
zwischen der Dauer besteht, während der der eine Inhalt erscheint,
und der Voreingenommenheit. Wenn also die Voreingenommenheit für
die junge Frau größer wird, dann wird sie länger in diesem
Schwingungsvorgang gesehen als die alte Frau. Das war eine echte Voraussage,
die phänomenologisch bestätigt ist.
4) Wahrnehmungstheorie und Umsetzung: "Der erste
Schritt ist, daß wir uns zunächst einmal mit der Entscheidungsfindung
befaßt haben. Da gibt es eine umfangreiche Literatur darüber,
wie der Manager oder der Privatmann Entscheidungen fällt. Wir haben
eine Analogie zwischen der Entscheidungsfindung und dem synergetischen
Computer der Wahrnehmung entwickelt. Die Grundthese ist, daß wir
in vielen Fällen keine großartige Planung vornehmen und wir
dazu auch gar nicht die Zeit haben, sondern daß wir Ähnlichkeiten
benutzen. Wir benutzen die Ähnlichkeit zwischen einer neuen Situation
und einer schon dagewesenen und entscheiden uns aufgrund der festgestellten
Ähnlichkeit. Interessanterweise stellt sich heraus, daß es
bei der Mustererkennung auf verschiedene Arten Entscheidungsfindungen
gibt. Es gibt eindeutige, aber auch das ständige Hin- und Herschwanken
zwischen zwei Entscheidungen oder den besonders interessanten Fall, in
dem die neue Entscheidung von der letzen Situation abhängt, obwohl
die Situation sich bereits geändert hat. Also man kann schon eine
Art Entscheidungstheorie entwickeln, wobei die Schwierigkeit natürlich
darin liegt, die Ähnlichkeitsmaße zu definieren. Das kann man
tun, aber das ist noch ein weites Betätigungsfeld.
5) Versklavung als gesellschaftstheoretisches Konzept
Gehen wir noch einmal zurück auf die Übertragung von synergetischen
Prinzipien auf soziale Verbände. Wenn man hier von "versklaven"
spricht, dann klingt das eben so, als würden die einzelnen Menschen
unterdrückt werden. Die Frage aber ist doch immer, wo man eigentlich
die Systemgrenzen zieht. Man kann sagen, es gibt die Individuen, dann
das Gesamtsystem einer bestimmten Gruppe, einer bestimmten Nation oder
wegen mir der ganzen Weltgesellschaft. Mit scheint das auch eine willkürliche
Sache zu sein, welche Elemente man als Individuen und welche man als Kollektive
bezeichnet. Das ist nach unten und nach oben offen. Oder gibt es da doch
objektive Maßstäbe?
HERMANN HAKEN: "Ich tendiere in dem Fall eher zu objektiven Maßstäben,
weil ich Gruppen aufgrund verschiedener Merkmale unterscheiden kann. Fangen
wir einmal mit dem Äußerlichen an. Anhand der Hautfarbe lassen
sich Gruppen identifizieren. Ich will hier natürlich keinen Rassismus
predigen, aber es gibt objektiv feststellbare Maßstäbe. Genau
so gut kann ich nach Religionszugehörigkeit, nach Parteizugehörigkeit,
nach der vorherrschenden individuellen Meinung, nach Landesgrenzen oder
Staatszugehörigkeit unterscheiden. Es gibt also eine ganze Reihe
von äußerlich gegebenen Merkmalen. Außerhalb dieser Gruppen
gibt es andere Merkmale, die sozusagen freiwillig angenommen werden. Und
da ist eben die Frage, wie weit das Wort "freiwillig" hier zutrifft.
Wenn man an die frühere Sowjetunion denkt, so mußten alle nach
außen hin Kommunisten sein. Das ist schon eine echte Versklavung.
Wenn ich eine Religionsgemeinschaft annehme oder aus ihr austrete, dann
unterwerfe ich mich freiwillig. Aber dann gilt eben dieses unglückliche
Wort "Versklavungsprinzip" immer noch. Ab dem Moment, in dem
ich diese Entscheidung getroffen habe, bin ich Mitglied der Gruppe und
unterwerfe mich damit durchaus auch den Riten und Ritualen. Insofern gibt
es einerseits einen weiten Spielraum für das, was man als freiwillig
oder unfreiwillig bezeichnet, aber wenn man andererseits die Merkmale
dieser Gruppe annimmt, dann ist das der Inhalt des Versklavungsprinzips.
6) Warum werden einige Menschen von einer "Modewelle" versklavt
und andere nicht? Welche Randbedingungen müssen erfüllt sein,
damit größere Verbände von einem Ordnungsparameter ergriffen
werden, und warum können sich viele Dinge nicht verbreiten? Kann
man da überhaupt aus der Perspektive der Synergetik etwas sagen,?
HERMANN HAKEN: Darüber kann man schon etwas sagen. Das hängt
mit der inneren Veranlagungen der Teile eines Systems, in dem Fall der
Menschen, zusammen. Es gibt eben Menschen, die für verschiedene Ideen
prinzipiell zugänglich sind. Welche sie dann aufnehmen, hängt
von kollektiven Effekten ab. Und es gibt andere Menschen, die sind auf
eine Idee so festgelegt, daß man sie nicht beeinflussen kann.
Gibt es zum Beispiel in der Physik etwas Vergleichbares?
HERMANN HAKEN: Durchaus. Als einen ersten, sicher noch bescheidenen Schritt
in diese Richtung haben wir unseren synergetischen Computer auf die Analyse
von Szenen angewendet. Als Beispiel dienten Bilder mit bis zu fünf,
sich auch teilweise verdeckenden Gesichtern. Der Computer erkannte zuerst
ein Gesicht. Dann setzten wir den zu diesem Gesicht gehörenden Aufmerksamkeitsparameter
gleich Null. Sodann erkannte der Computer ein zweites Gesicht. Wir setzten
dann den zugehörigen Aufmerksamkeitsparameter gleich Null usw. Es
ist ein Leichtes, daß der synergetische Computer diese Parameter
von alleine nacheinander gleich Null setzt und auf diese Weise vollautomatisch
Szenen analysiert, wobei es sich nicht nur um Gesichter zu handeln braucht.
7) Sie haben sicherlich schon von der Theorie der Memetik gehört,
die Richard Dawkins aufgebracht hat. Er geht davon aus, daß die
kulturelle Evolution auf ähnlichen Mechanismen wie die biologische
Evolution beruht, nur daß hier nicht die Gene, sondern kulturelle
Replikatoren eine Rolle spielen, die er Meme genannt hat. Sie wandern
von Gehirn zu Gehirn und stecken den Menschen gewissermaßen an.
HERMANN HAKEN: Wir haben eine vielleicht damit verwandtes Konzept in Zusammenarbeit
mit Herrn Portugali entwickelt und es "Interrelation Network"
genannt. Dabei geht es darum, daß der Mensch ja nicht nur mit anderen
Menschen korrespondiert, sondern auch über Bibliotheken und Computer
neue Gedanken aufnimmt. Neue Ordnungszustände können durch die
Wechselwirkung zwischen solchen Informationsträgern, den verarbeitenden
Maschinen und dem Menschen selbst entstehen. Und hier könnte, wenn
ich Sie richtig verstehe, vielleicht auch ein Zusammenhang mit der Theorie
Dawkins bestehen.
8) Wenn man ein komplexes System, eine Gesellschaft, eine demokratische
Verfassung, einen wirtschaftlichen Zustand in einem Land aufrechterhalten
und stabil halten will, kann einem die Synergetik dafür Ratschläge
geben?
HERMANN HAKEN: Wenn man grundsätzlich argumentiert, ist die Ursache
für Systemänderungen letztlich die Änderung von Kontrollparametern.
Bei politischen Systemen sind das nach meiner Interpretation die äußeren
Umstände. Lange anhaltende Arbeitslosigkeit, Hungersnöte, Mißwirtschaft,
Korruption, das sind Dinge, die ein System destabilisieren. Um ein System
zu stabilisieren, muß man deswegen versuchen, den Wunsch der Bürger
zu wecken, das System so aufrecht zu halten, wie es gerade ist. Ich verstehe
das ganz oberflächlich: allgemeiner Wohlstand, eine gewisse Zufriedenheit
der Bürger, auch ein Gefühl der inneren und äußeren
Sicherheit in diesem System sind Bedingungen zur Stabilisierung eines
wirtschaftlichen Systems.
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